Digital Leadership prägt schon heute die Praxis

Eine neue Studie des Learning Consortiums for Creative Economy der Drucker Foundation belegt, dass sich das herkömmliche Führungsverständnis traditioneller Unternehmen – geprägt von Hierarchie, Statusdenken und Abteilungsgrenzen – durch die disruptiven Entwicklungen des 21. Jahrhunderts massiv verändert. Durch die neuen Entwicklungen am Markt ändert sich das Verhalten bei Kunden und Wettbewerbern. Innovationen laufen schneller und radikaler ab als früher. Marktstrukturen lösen sich innerhalb kurzer Zeit auf. Zudem verändern sich die Ansprüche von Mitarbeitern und der Belegschaft an das Management. Waren Mitarbeiter früher eher die Befehlsempfänger , sehen sie sich heute verstärkt in der Rolle der Gestalter und kreativen Erneuerer. Dieses Veränderungsmoment der kreativen und digitalen Wirtschaft zieht sich durch alle Branchen und Industrien – insbesondere vor dem Hintergrund einer immer mobileren und vernetzten Belegschaft sowie des demographischen Wandels, bei dem die Generation Y den Großteil aller Arbeitskräfte darstellen wird. .

Dieser massive organisatorische Wandel zwingt Manager, ihre Werte- und Prinzipiensysteme zu überprüfen und diese anzupassen. Welche Anpassungen dabei bereits in der Unternehmenspraxis gemacht wurden, war die Fragestellung, mit der sich die Autoren der Studie befassten. Auf Grundlage einer Reihe von Firmenbesuchen, darunter u.a. Firmen wie Magna International, Ericsson, Brillio oder Riot Games, entstand ein umfassendes Stimmungsbild zu neuer Führung und dem Verständnis, was Führung in Zukunft bedeutet. Das Ziel der Forscher war es, herauszufinden, welche Prinzipien bereits heute, unabhängig von Branchen und Industrien, in der Wirtschaft etabliert sind.

Die Experten ziehen das Fazit, dass zwar bislang noch kein einheitliches neues Leadership-Verständnis 2.0 sowie einheitlich neue Formen von Führung in der Management-Praxis durchsetzen konnten. Doch konnten signifikante Gemeinsamkeiten in der Führung und dem Führungsverständnis in allen  Firmen gefunden werden.

The Emergence of the Creative Economy

The Emergence of the Creative Economy

Demzufolge zeigen sich bereits heute Gemeinsamkeiten beim Umbau der Management-Ziele, der Wertesystemen sowie der Management-Praktiken. Demzufolge basiert das neue Führungsverständnis vor allem 1) auf starken Leadern die in der Lage sind, die neue Welt zu verstehen und deren Prinzipien zu vertreten und 2) einem kollektiven Mindset, mit dem kulturell die Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen verankert wird

Hygienefaktoren der digitalen Führung

Im Detail konnten einige grundlegende Aspekte identifiziert werden, die die Grundlage für ein Digital Leadership-Verständnis darstellen. Diese Aspekte können Hygienefaktoren verstanden werden, die insbesondere bei Organisationen, die sich im Übergang von einer bürokratischen Hierarchie in ein kreatives und vernetztes Unternehmen befinden, eine Rolle spielen. Dazu zählen:

  • Management-Ziele, Einstellungen und Werte sind klar auf den Mehrwert und Innovationen für Kunden und Nutzer ausgerichtet, anstatt auf die Realisierung kurzfristiger Gewinne und Profite;
  • Führungskräfte sehen sich selbst, und handeln als  “Enabler” anstatt als “Controller”, um möglichst die gesamten Fähigkeiten und Kompetenzen ihrer Wissensarbeiter freizusetzen;
  • Probleme werden durch autonome Teams und Team-Netzwerke gelöst, in einigen Fällen auch bei Skalenprojekten und kritischen Aufträgen der Organisation;
  • Koordination von Arbeit erfolgt strukturiert und iterativ durch kundenorientierte Praktiken anstatt durch Bürokratie und bürokratische Prozesse;
  • In der täglichen Arbeit ist die kontinuierliche Verbesserung von Produkten und Services sowie der Arbeitsmethoden tief verwurzelt,
  • Kommunikation ist offen und dialogorientiert, anstatt von oben nach unten sowie hierarchisch;
  • die physischen Arbeitsumgebungen sind spürbar offen, egalitär, kommunikativ und freundlich gestaltet.

Weiterentwicklung des Leadership-Verständnisses

Dort, wo die Digtial Leadership Grundsätze bereits länger verankert sind und wo sich auf Basis dessen bereits ein neues Führungsverständnis entwickeln konnte, zeigen sich weiterführende Aspekte, die zur Umsetzung eines Digital Leadership Verständnis beitragen und dabei helfen, die neue Kultur in der DNA der Organisation zu verankern:

  • Weit entwickelte Möglichkeiten in der Organisation, kontinuierlich Mehrwert für Kunden und Anwender zu generieren;
  • Verbesserte Fähigkeiten, auf unvorhersehbare Veränderungen am Markt zu reagieren;
  • Wissensarbeiter, die bemerkenswert engagiert sind und leidenschaftlich arbeiten;
  • in weiterentwickelten Unternehmen entsteht eine Organisationskultur, die alle Akteure wertschätzt: diejenigen, die die Arbeit erledigen, diejenigen, für die Arbeit getan wird, sowie die Organisation als Ganzes und ihre finanzielle Gesundheit und Stabilität;
  • die Entstehung einer organisationalen Kreativwirtschaft, d.h. einer an Kreativitiät und permanentem Kundennutzen, Innovation und Produktentwicklung ausgerichteten ökomischen Architektur der Gesamtorganisation

Fazit: Viele Varianten, aber Abkehr von hierarchischer Führung und Top-Down-Denken, hin zu einem koharenten Führungssystem

Obwohl es in der Praxis noch kein einheitliches Verständnis zu Digital Leadership gibt, gibt es doch bereits heute auffällige Konvergenzen bei Management-Zielen, Prinzipien und Werten, die über viele Organisationen ähnlich sind. Deutlich wird, dass das neue Leadership-Verständnisses vor allem mit der Abkehr von traditionellen Management-Praktiken und hierarchisch geprägten Arbeitsweisen verbunden ist  – so, wie sie heute noch in vielen großen Unternehmen allgegenwärtig sind.

Ein universelles Merkmal von Leadership 2.0 ist es, dass die Umsetzung und Verwirklichung der kreativen, autonomiefördernden Führung von den Einstellungen und dem Mindest der Mitarbeiter abhängt. Dort, wo Management-Praktiken und -Methoden ohne das erforderliche Verständnis und die kulturelle und intellektuelle Basis implementiert werden, können keine nachhaltigen Vorteile entstehen. Dies war ein zentrales Ergebnis der Studie.

Auch ist es wichtig zu verstehen, dass die einzelnen Management-Praktiken, die im Digital Leadership zur Anwendung kommen, nicht neu sind. Neu ist aber, dass Unternehmen aus den einzelnen Methoden, Praktiken und den Werten ein kohärentes und integriertes Leadership-System entwickeln muss, das aus Werten, Praktiken und Zielen besteht. Die Implementierung erfolgt dann mittels des geteilten kulturellen Verständnisses von Führung und ermöglicht, den Wandel auf allen Stufen umzusetzen.

Ein weiteres universelles Merkmal von Digital Leadership ist die der Einfluss starker Führung. Dies trifft nicht nur auf die Organisationen zu, die sich von einer hierarchisch, von Bürokratie geprägten Kultur wandeln, bei denen Manager genügend Mut und Courage besitzen, sich gegen das etablierte System zu stellen. Starke Führung ist auch dort erforderlich, wo eher neuere Organisationen, in denen bereits die Prinzipien, Werte und Ziele der Creative Economy gelebt werden, und wo die kontinuierliche Selbsterneuerung ein Bestandteil der Unternehmenskultur ist, Gefahr laufen, wieder in hierarchische Bürokratie zurückzufallen.

Die Studienergebnisse sind nicht neu. Jeder von uns erlebt diese oder ähnliche Wandlungserscheinungen täglich. Doch wichtigstes Fazit ist, dass sich jede Organisation über ihren eigenen Evolutionsgrad bewusst werden solle und verstehen lernen muss, dass Digitalität, Industrie 4.0, Autonome Steuerung, Lean usw. nicht nur Teil der technischen Veränderung sind, sondern vor allem einen Wandel im Führungs- und Leadership-Verständnis erfordern.

Mehr unter https://www.druckerforum.org/

 

Photo by Jocelyn Kinghorn / CC BY

Empfohlene Beiträge

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Boring efficiency - Wenn Langeweile im Unternehmen produktiv ist