Schlüsselkompetenzen von Aschenputtel

Die Managementliteratur ist schon ein sonderbares Feld. Nicht nur, dass sie uns dankenswerterweise regelmäßig mit vielen leicht verdaulichen 1-2-3 Rezepturen zu allerlei obskuren Ökonomie-Themen versorgt, dabei sei nur an “Arbeitsplatzabbau mal anders –  Entpersonalisierung leicht gemacht” oder “Verlagerungsstrategien nach Ost-Turkmenistan” gedacht. Ihr haftet mit den dabei verordneten Themen auch stets eine gewisse Frische, ja sogar Phantasterei an, die immer wieder verblüfft. Obwohl ich  schon relativ viele Managementbücher verdaut habe, überraschte mich heute eine ganz sonderbare Stilblüte des Buchmarktes.

Sie glauben, ich erzähle Märchen? In diesem Fall kennen Sie sicher noch nicht den Buchbeitrag von Prof. Rolf Wunderer im Handbuch Kompetenzmanagement zum Thema “Unternehmerische Schlüsselkompetenzen in Management und Märchen“. Herr Prof. Wunderer (selbst der Name ist aufschlussreiche Chiffre genug für den bevorstehenen Inhalt) untersucht darin den Gehalt Grimm’scher Märchen auf deren Anwendung in der Personalentwicklung. Die Lessons Learned daraus (also das Lehrhafte aus den Märchen) soll nun im Unternehmen zum Aufbau ganz besonderer Kompetenzen, zum Aufbau helden- und fabelhafter Eigenschaften, verwendet werden. Die Vorstellung lautet, dass der Transfer der Erkenntnisse aus dem Märchenbuch dabei hilft, unternehmerisch denkende und handelnde Mitarbeiter zu entwickeln. Na schauen wir mal.

Ich zitiere kurz zum Inhalt des Artikels

In diesem Beitrag wird die Verteilung von drei (mit-)unternehmerischen Schlüsselkompetenzen […] auf sechs Portfoliogruppen anhand von Ergebnissen betrieblicher Umfragen sowie Analysen bekannter Märchen der Brüder Grimm diskutiert“. (Handbuch Kompetenzmnagement, S 223)

What? Ich übersetze kurz für die restlichen Mitunternehmer unter uns, den anerkennenswerten Zweck, den Herr Prof. Wunderer verfolgt: Der Autor versucht, die Fähigkeiten und Kompetenzanlagen, die Märchenfiguren aufgrund ihrer genealogischen oder ganz profan im Hirn des Schöpfers entstandenen Ideen haben, auf die Kompetenzentwicklung von Managern anzuwenden –  in der Hoffung, diese auf Dauer verbessern zu können. Er untersucht dabei, welche besonderen Fähigkeiten die Märchenfiguren mitbringen und wie diese sich auf die Gestaltungs- und  Umsetzungsfähigkeiten der Manager und “Mitunternehmer” auswirke. Hört sich kompliziert an? Ist es aber gar nicht.

Schau’n wir uns die wichtigsten Erkentnisse dieser Analyse an. Prof. Wunderer stellt fest, dass

  • Aschenputtel eine gute Mitunternehmin und,
  • das tapfere Schneiderlein ein mitunternehmerisch qualifizierter, aber ein kaum kooperativ motivierter Märchenheld ist,
  • Hänsel und Gretel als ein mitunternehmerisch motiviertes, aber noch wenig qualifiziertes Paar gelten,
  • die Pechmarie in Frau Holle eine demotivierte Mitarbeiterin ist, und zu guter Letzt
  • die Sieben Schwaben mitunternehmerisch völlig Überforderte sind.

Wow. Wer hätte das gedacht? Wen mehr Details interessieren, dem sei das Buch wärmsten für kalte Winternächte empfohlen.

Im Grunde genommen möchte ich Herrn Wunderer von tiefstem Herzen für diesen Beitrag danken. Er hat mir nicht nur etwas Phantasie in mein Leben gebracht und mir gezeigt, dass Märchen nicht nur für meine kleine Tochter gemacht sind. Er zeigt uns mit diesem Beitrag auch, dass wir ale im Grunde genommen gar nicht so weit vom Helden, dem Prinzen, der Prinzessin oder dem Drachtöter mehr entfernt sind. Danke Onkel Wunderer!

Photo by Caitlin ‘Caity’ Tobias/ CC BY

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